Echokammer Deutschland
Fotografische Positionen zum Rechtsruck
Die Gesellschaft in Deutschland bewegt sich nach rechts. In aktuellen Umfragen liegt mit der AfD eine Partei vorn, die in vier Bundesländern als gesichert rechtsextrem und in weiteren fünf als Verdachtsfall eingestuft ist. Aus Enttäuschung oder Protest, aus rassistischen Gründen oder Abkehr von der Demokratie entscheiden sich Bürger*innen für die sogenannte Alternative für Deutschland oder andere neurechte Bewegungen.
Im Bundestag, in Landtagen, Stadträten und Kreisverwaltungen greifen rechte Politiker*innen gezielt die demokratische Grundordnung an, betreiben Geschichtsrevisionismus und streben eine nationalkonservative Neuausrichtung an. Der Rechtsruck ist Teil eines globalen Phänomens, das sich in vielen Ländern beobachten lässt. In dörflichen Strukturen, in Klein-, Mittel- und Großstädten sickert rechtes Gedankengut bis in die Mitte der Bevölkerung, verbreitet sich nicht nur unter vermeintlich Abgehängten und an Stammtischen. Rechte Einstellungen werden längst nicht mehr hinter vorgehaltener Hand geäußert, sondern mit teils lautstarker Überzeugung auf den Straßen, an Arbeitsplätzen, in Vereinen, Schulen und Hochschulen mitgeteilt. Die Anliegen der Parteimitglieder und der Anhängerschaft bleiben dennoch für viele abstrakt, genauso wie die Konsequenzen, die die Regierungsbeteiligung oder eine absolute Mehrheit der Partei für die eigene Lebenswelt haben werden.
Die Ausstellung „Echokammer Deutschland“ ist eine Einladung, genauer auf die erstarkende Rechte zu schauen. Zu sehen sind neun Projekte der Gruppe SHIFT, einem Zusammenschluss von neun Dokumentarfotograf*innen, die sich mit ihren Arbeiten dem Rechtsruck widmen und zum demokratischen Diskurs beitragen wollen. Ihre Projekte bezeugen die ideologische Gestaltung von Erinnerungskultur, Tatorte rechter Morde, Selbstinszenierung von Rechtsextremist*innen und stellen Menschen vor, die sich im Spannungsfeld rechter Strömungen bewegen oder in Opferverbänden agieren. Die Fotografien zeigen darüber hinaus zivilgesellschaftliches Engagement für progressive Zukunftsperspektiven – und sind somit ein Appell an die Verantwortung jeder*s Einzelnen, sich für Demokratie einzusetzen.
In der Ausstellung sind die Fotoprojekte in Sequenzen miteinander verschränkt, sodass etwa die Inszenierung von Politiker*innen wiederholt auf Bilder von Tatorten treffen und Fotografien von rechtsmotivierten Demonstrationszügen an unterschiedlichen Stellen der Ausstellung weiterlaufen. Rechte Werbemittel werden von Fotografien demokratischen Engagements flankiert. Zeugnisse persönlicher Begegnungen wechseln sich mit distanzierteren Blicken ab. Einblicke in Parteitage stehen neben Aufnahmen scheinbar gewöhnlicher Stadt- und Landschaftsräume. Diese Vermischung von Themen und Perspektiven verfolgt das Ziel, gesellschaftliche und mediale Filterblasen aufzubrechen. Anstatt bestehende Echokammern zu verstärken oder neue zu etablieren, will die Ausstellung ein Bewusstsein über verschiedene gesellschaftliche Realitäten schaffen und einen Austausch darüber anregen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen und wie wir uns für diese einsetzen können.
Gleishalle Oberhafen, Hamburg
Felix Adler, Rosa Burczyk, Jonathan Funk, Rafael Heygster, Paula Markert, Fabian Ritter, Julius Schien, Thomas Victor, Stella Weiß


