Christin Müller
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Stefan Moses / Alexander Kluge: Le Moment fugitif

Flüchtige statt entscheidende Augenblicke: Auf dem Cover formulieren Stefan Moses und Alexander Kluge, in beiges Leinen bedeutsam geprägt, ein kleines Manifest gegen das vielzitierte Credo von Henri Cartier-Bresson. In ihren Augen ist die Initialzündung für ein künstlerisches Werk nicht allein Sache des Autors. Sie behaupten, ein „Dämon namens Kairos“ oder gar ein „Zufall, eine Verlegenheit, plötzlicher Irrläufer, ein Flitz“ löst den Moment des Aufzeichnens aus. Zwischen den Buchdeckeln lassen sie zur praktischen Beweisführung eigene Bilder und Texte umeinander mäandern.

Der Fotograf Moses, geboren 1928 in Schlesien, und der Autor und Filmemacher Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, können auf Jahrzehnte umfangreichen Schaffens, Retrospektiven und gesammelte Schriften zurückblicken. Anstatt es sich im eigenen, renommierten Werk bequem zu machen, beschäftigen sie sich hier mit einem sie verbindenden Thema: Momente, die für sie besonders sprechend sind. Die Kollaboration scheint aussichtsreich, denn beider Lebensthema ist die pointierte Auseinandersetzung mit den Umbruchphasen der Nachkriegszeit, den Wirtschaftswunderjahren und der politischen Wende in Deutschland. Beide betrachten die Gesellschaft präzise bis ins kleinste, hintersinnigste Detail und interessieren sich für Augenblicke, in den sich Improvisation im Privaten oder Öffentlichen breitmacht und sich im Ungewissen Möglichkeiten auftun. Moses gruppiert seine kräftigen Schwarzweiß-Fotografien erstmals ausnahmslos zu Triptychen und öffnet so einen gedanklichen Raum. Dieser bildet den Ausgangspunkt für Kluges Geschichten, die so geschehen sein könnten, vielleicht aber nur Metaphern sind.

Das in „Le Moment fugitif“ Versammelte ist eigenwillig wie die Katze auf den ersten Bildern im Buch. Das Tier stolziert auf den Schultern von Moses, während dieser versucht zu fotografieren. Kluge berichtet, dass sich Katzen bei Raumfahrttests als erstklassig intelligent erwiesen haben, aber dennoch untauglich für das Weltall sind, weil: zu selbstbestimmt. Solche Störmomente sind symptomatisch. Es folgen Fotografien von verhüllten sozialistischen Monumentalstatuen, die nie ganz unter ein Tuch passen, Bilder von zwischen den Optionen Untergrund und Anpassung schwankenden Stasi-Leuten und ratlosen Wende-Politikern. Gelegentlich trennt Moses seine Protagonisten – alle vom einfachen Bürger bis zur kulturellen oder politischen Persönlichkeit – mit einem großen grauen Filztuch vom Alltagshintergrund. Andere Szenen sinnieren über den Zigarettenrauch von Helmut Schmidt oder zeigen ein Contergan-Kind bei Gehversuchen. Theodor W. Adorno stattet Moses mit Spiegel und Fernauslöser aus und lässt ihn den Aufnahmezeitpunkt selbst wählen. Kluges dazwischen gestreute Texte treten mal in ein enges Zwiegespräch mit den Bildsequenzen, mal kehren sie den Fotografien den Rücken, um inspiriert von einem Detail eine andere Richtung einzuschlagen. Etwa wenn Kluge den eben noch im Bild mit einer Schildkröte hantierenden Ernst Jünger in ein Gespräch über die Charaktereigenschaften von Hitler verwickelt oder die Beine von drei beieinander sitzenden Künstlern Anlass zum Nachdenken über den Tausendfüßler als Emblem im 21. Jahrhundert bieten.

Diese Momente, an denen sich ein moment fugitif kristallisiert, verfolgen Moses und Kluge, um Zeitbilder zu kreieren. Sind es also die tatsächlichen Ereignisse, die von Künstlern eingefangen werden wollen? Moses und Kluge sind keine Dogmatiker und so bleibt dies lobenswerterweise ein Gedankenexperiment, das wir woanders weiterführen sollten. Zum Schluss werden sie trotzdem nochmals grundsätzlich und fordern „Ellenbogenfreiheit“ sowie „Raumzeit“ für Texte und Bilder. Das bejahend, lässt sich allein an dieser Stelle eine Kritik am sonst sehr gelungenen Buch formulieren: Noch freier wären Fotos und Worte, wenn mit ihnen ähnlich wie in Moses Buch „Manuel“ von 1967 ein grafisches Ganzes aushandelt wird, in dem Bilder und Texte noch eigensinniger im Layout sein dürfen.

Publikationsort
Photonews, Hamburg 2015, Nr. 04/15, S. 20
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